Realschule im Stiftland
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„Wie Zeugen vor Gericht“ – Was Trench-Art, Schrapnell und ‚Seidla‘ über den ersten Weltkrieg verraten

 

Das, was die Neuntklässler der Realschule im Stiftland an diesem Tag vorfinden, sind zuerst „nur“ sechs blaue Plastikkisten. Das Innenleben erzählt jedoch die gesamte Zeit eines Frontsoldaten zwischen 1914 und 1918 – während des Ersten Weltkrieges.

Die Fundstücke, die Dr. Tobias Hammerl vom Abensberger Stadtmuseum mitgebracht hat, sind folglich über hundert Jahre alt. „Nachdem es keine Zeitzeugen mehr gibt, die wir fragen können, wie der Erste Weltkrieg war, müssen wir unsere Sachzeugen interviewen – so wie Zeugen vor Gericht. Man muss nur die richtigen Fragen stellen“, weist der Museumsleiter die Schülerinnen und Schüler ein. Dann verteilt er die Kisten auf einzelne Schülergruppen. Vorsichtig und mit Handschuhen ausgestattet packen die Schüler die Schätze aus. Gearbeitet wird ausschließlich über Tischen, nichts wird herumgetragen – nicht dass noch eine Kostbarkeit zu Boden fällt. „Die kann man nicht heute Nachmittag im Supermarkt nachkaufen“, erklärt Hammerl.

Aufgabe der Neuntklässler ist es nun, die Museumsstücke fachmännisch zu untersuchen und ihre Bedeutung im Ersten Weltkrieg zu erschließen. Unterstützung erhalten sie dabei durch den Museumsleiter und ihre Geschichtslehrkräfte Stefan Greiler und Tanja Bösl. Nach einer ausgiebigen Analyse der Kofferinhalte präsentieren die Kleingruppen ihre Erkenntnisse den Mitschülern.

Und sie haben Erstaunliches entdeckt, wie sich hierbei zeigt. So stellte die Propaganda den Krieg in Gedenkurkunden, Erinnerungsbildern oder auf Souvenirs wie einem ‚Seidla‘ als angenehmen Ausflug dar. „Soldatsein ist cool“, sollte der Nation vermittelt werden, „da kann man tanzen, Schnaps trinken und das Leben genießen“.  Auch war man wohl aus deutscher Sicht der Meinung, der Krieg dauerte maximal ein Jahr, wie ein Aschenbecher zeigt. Entsprechend waren die Soldaten ausgerüstet. Die Realität an der Front sah ganz anders aus, das beweisen weitere Gegenstände. Die Soldaten rüsteten ihre unzureichenden Waffen und Helme um auf Grabenkrieg und Tarnung, statt mit riesigen Bajonetten und Pickelhauben durch die Gegend zu marschieren. Sie bestellten zu Hause Wolle, um sich für den Winter zu rüsten. Sie betäubten sich, ihre Angst und den Hunger während der Wartezeiten zwischen den Gefechten mit Schnaps und Tabak, stellten Nahkampfwaffen, Pfeifen, Schnapsgläser oder Kerzenleuchter selbst her, während sie in Furcht vor den nächsten Angriffen waren – Trench-Art (Schützengrabenkunst) nennt man diese Kunstform. Die Waffen im Ersten Weltkrieg waren durchschlagender und vernichtender als je zuvor, da Giftgas und Granaten eingesetzt wurden, wie die Munition und eine Gasmaske belegen. Hier erfahren die Schülerinnen und Schüler ganz nebenbei von Dr. Hammerl, was der Nobelpreis mit dem Ersten Weltkrieg zu tun hat und warum es seitdem in der Medizin Schönheitschirurgie gibt. Anhand eines ca. 25 cm langen, scharfkantigen Schrapnells (ein Granatsplitter) erläutert er: „Wenn so ein Splitter mit Schallgeschwindigkeit auf dich trifft, dann ist das nicht mehr ‚cool‘, das überlebst du wahrscheinlich nicht.“ Fast schon ironisch erscheint angesichts dieses reellen Frontbildes die Kriegschronik eines ehemaligen Soldaten, welche 1918 nach wie vor den Krieg verherrlicht und die Kapitulation Deutschlands mit dem Wort Demobilmachung betitelt. „Das waren die ersten Fake-News, die damals verbreitet wurden und den weiteren Verlauf der Geschichte bis in den Nationalsozialismus hinein beeinflussten“, beendet Tobias Hammerl an diesem Tag seinen Exkurs in den Ersten Weltkrieg. Ein Schüler erwidert, dass sonst alles sinnlos gewesen wäre, was den Soldaten passiert ist, und trifft damit den Sinn dieser Einheit: Krieg ist nicht „cool“ – er ist sinnlos.

 

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