Realschule im Stiftland
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Vom Individuum zur Nummer - Zehntklässer der Realschule im Stiftland besichtigen das Konzentrationslager Flossenbürg

 

Der eisige Ostwind pfeift durch das Gelände zwischen ehemaliger SS-Kommandantur und Wäscherei. Instinktiv ziehen die Jugendlichen ihre Schultern hoch und die Mützen tiefer ins Gesicht. „Das, was wir gerade erleben, ist nur ein kleiner Eindruck dessen, wie es den Häftlingen hier im Konzentrationslager ergangen ist. Da gab es keine Winterjacken, Thermosocken und Handschuhe“, beginnt Thomas Koller. Er und seine Kollegin führen heute bei frostigen - 16 Grad die 47 Schülerinnen und Schüler der Realschule im Stiftland und ihre begleitenden Lehrkräfte über das ehemalige KZ-Gelände Flossenbürg.

Nach ersten Informationen auf dem ehemaligen Appellplatz zu Entstehung und Gebäuden schließt sich ein kurzer Gang zur ehemaligen Wäscherei an – einst auch für die Aufnahme der Gefangenen genutzt. Vor einem großen Modell des einstigen Lagergeländes erklärt Herr Koller zunächst den Aufbau des KZ Flossenbürg. Dann gibt er den Schülerinnen und Schülern ein Bild in die Hand, zu dem sie sich äußern sollen. Es zeigt SS-Soldaten in ihrer Freizeit: Gesang, Gelächter, fröhliche Gesichter. „So kannten die Menschen außerhalb und im Ort die Aufseher. Was hier drinnen passierte, konnte sich daher kaum jemand vorstellen“, so Koller. Die Rückseite des Fotos zeigt die Zeichnung eines Lagerinsassen – ein völlig anderes Bild, das die Schüler nun von den SS-Leuten erhalten: brutal, grausam, gefühlskalt. „Das ist die Sicht der Häftlinge auf ihre Wärter und die Zeit hier.“

Im Untergeschoss der ehemaligen Wäscherei bekommen die Schüler einen Eindruck von der Aufnahme im Lager. Der Kleidung entledigt, kahlrasiert und von höhergestellten Mitinsassen, sog. Capos, geschlagen und gedemütigt, wurden hier „Individuen zu Nummern“.

Neben den unterschiedlichen Häftlingsgruppen lernen die Zehntklässer beim weiteren Rundgang den Tagesablauf der Häftlinge kennen und erfahren mehr über Haftbedingungen, Verpflegung, Arbeit im Steinbruch und Krankheiten im Lager – sehr anschaulich, sehr eindrucksvoll, sehr ergreifend.

Die Schüler stellen viele Fragen an diesem Tag, im Gehen schweigen sie nachdenklich. Das Buch mit den Namen der Häftlinge wird intensiv studiert – vielleicht kennt man einen Nachnamen. Der Rundgang endet mit einem Film, in dem ausschließlich Zeitzeugen über ihre Erlebnisse erzählen. Kinoatmosphäre herrscht hierbei allerdings keine, eher betroffenes Schweigen angesichts der unvorstellbaren und unmenschlichen Zustände im Lager. Als das Licht angeht, steht niemand auf, niemand spricht. Herr Koller verabschiedet sich von den Zehntklässern mit den Worten: „Natürlich sind wir nicht dafür verantwortlich, was hier passierte, aber wir tragen die Verantwortung dafür, dass so etwas nicht noch einmal geschieht.“ Eindrucksvoller als in Flossenbürg kann dies nicht vermittelt werden.

 

 

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