Realschule im Stiftland
Realschule im Stiftland

Geschichte zum Anfassen

 

Sechs blaue Kisten, fünf Schwarzweiß-Fotografien, zwei in Folie gewickelte Röhren. Mit diesen Utensilien im Gepäck erwartet Veronika Leikauf am vergangenen Donnerstag früh um acht Uhr die erste der drei neunten Klassen der Realschule im Stiftland in Waldsassen.

 

Die Mitarbeiterin des Herzogskastens in Abensberg ist mit dem „Museum im Koffer“ an die Schule gekommen. Auf der Tagesordnung steht an diesem Tag nicht Geschichtsunterricht aus dem Schulbuch, sondern Geschichtsunterricht zum Anfassen! Thema ist: Der Erste Weltkrieg.

 

Bevor die Schülerinnen und Schüler allerdings in die „Schatzkisten“ schauen dürfen, werden ein paar Grundregeln vereinbart, schließlich handelt es sich bei den mitgebrachten Museumsstücken um Originale aus der Zeit zwischen 1914 und 1918. „Die kann man nicht einfach wieder neu machen“, weist Frau Leikauf die Neuntklässer darauf hin, mit den Sammlungsstücken behutsam und vorsichtig umzugehen, sie stets über dem Tisch zu untersuchen und auf keinen Fall damit herumzulaufen. Des Weiteren müssen Handschuhe getragen werden. Wie eben ein echter Museumsmitarbeiter dies auch tun würde.

 

Dann ist es endlich soweit. Jede Schülergruppe erhält eine Kiste und die zum Teil über einhundert Jahre alten Gegenstände erblicken das Tageslicht. Die Schülerinnen und Schüler stehen nun vor Urkunden, Briefen, Granatsplittern, einem durchschossenen Helm, Uniformteilen, einer Pfeife, einem Bierkrug, Souvenirs und vielen weiteren Fundstücken. Das Highlight ist ein Koffer mit Kriegswaffen, darunter auch die geheimnisvollen Röhren, die sich als Gewehre entpuppen.

 

Aufgabe der Neuntklässer ist es nun, die Museumsstücke fachmännisch zu untersuchen und ihre Bedeutung im Ersten Weltkrieg zu erschließen. Unterstützung erhalten sie dabei durch die Museumsmitarbeiterin und ihre Geschichtslehrkräfte Stefan Greiler und Tanja Bösl. Nach einer ausgiebigen Analyse der Kofferinhalte präsentieren die Kleingruppen ihre Erkenntnisse den Mitschülern.

 

Und sie haben Erstaunliches entdeckt, wie sich hierbei herausstellt. So stellte die Propaganda den Krieg in Gedenkurkunden, Erinnerungsbildern oder auf Souvenirs als angenehmen Ausflug dar, wobei die Soldaten meist feierten, tanzten und das Leben genossen. Auch war man wohl aus deutscher Sicht der Meinung, der Krieg dauerte maximal ein Jahr, wie ein Aschenbecher aus der Heimat zeigt. Dass dies nicht der Realität an der Front entsprach, beweisen die weiteren Fundstücke. Die Soldaten rüsteten ihre unzureichenden Waffen und Helme um auf Stellungskrieg im Schützengraben und Tarnung. Sie betäubten sich und den Hunger während der Wartezeiten zwischen den Gefechten mit Schnaps und Tabak, stellten Nahkampfwaffen und Pfeifen selbst her, während sie in Furcht vor den nächsten Angriffen waren. Diese waren wohl durchschlagender und vernichtender als in den Kriegen zuvor, da Giftgas und Granaten eingesetzt wurden, wie die Munition und eine Gasmaske belegen. „Wenn man so einen Granatsplitter einmal in den Händen hält und merkt, wie groß und schwer er ist, dann weiß man auch, warum die Soldaten mehr Angst vor Verletzungen hatten als vor dem Tod, das ist mir jetzt erst klar geworden“, bemerkt ein Schüler während der Präsentation.

 

Und damit hat er am Ende auch den Sinn dieser Art von Geschichtsunterricht erfasst: Krieg ist nicht „cool“. Er ist grausam, vernichtend und schrecklich.

 

Zusatzinfo: Das „Museum im Koffer“ ist ein museumspädagogisches Angebot des Stadtmuseums Herzogskasten in Abensberg. Kontakt 09443/9103-15 oder unter www.stadtmuseum-abensberg.de.

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Realschule im Stiftland